Finanz und Wirtschaft
01.07.2026

Wenn Angst die Zukunft bestimmt

Vom Waldsterben über die Computerrevolution bis zur KI: Immer wieder schüren Interessengruppen gezielt Ängste. Mit einem Negativitäts-Bias könnte Europa dysfunktional werden.

Beitrag S.D. Prinz Michael von und zu LiechtensteinFinanz und Wirtschaft . Ausgabe 01.07.2026

«Wenn es so weitergeht, stirbt die gesamte Menschheit aus. Wir weissen Europäer werden zu den Ersten gehören.» Mit diesem Titel wurde vor einigen Wochen ein Gespräch mit dem britischen Demografen und Autor Paul Morland zitiert, der sich anlässlich des Sankt-Gallen-Symposiums mit der Frage auseinandersetzte, ob Migration in alternden Gesellschaften Solidarität aufrechterhalten kann, ohne dass der soziale Zusammenhalt untergraben wird.

Im Vordergrund steht hier jedoch weniger die Fragestellung, mit der sich Morland auseinandersetzte, als vielmehr der bewusst aufmerksamkeitsstarke Titel des Beitrags. Er erzeugt Angst oder zumindest ein ungutes Gefühl.

Angst ist ein sehr effektiver Hebel, um Aufmerksamkeit zu erzielen, Handlungen zu legitimieren und Interessen durchzusetzen. Schreckensszenarien, die Angst streuen, sind kein neues Phänomen, sondern ein altes Muster menschlichen Verhaltens.

In den Sechzigerjahren beispielsweise warnte der Club of Rome in seinem Bericht «Die Grenzen des Wachstums» vor den langfristigen Folgen von unbegrenztem Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum. Damals sah man ein unkontrolliertes Bevölkerungswachstum als ein zentrales Problem an. Heute, rund fünfzig Jahre später, sehen wir uns jedoch einem demografischen Problem gegenüberstehen.

Schreckensszenarien im Wandel
In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurde der saure Regen und das damit einhergehende Waldsterben in Mitteleuropa zur existenziellen Bedrohung zugespitzt. Es wurde weitläufig ideologisch aufgesetzt, obschon sich das Problem dort konzentrierte, wo Kohlekraftwerke standen. In damals kommunistischen Ländern wie der Deutschen Demokratischen Republik, der damaligen Tschechoslowakei oder Polen war der saure Regen und das Waldsterben tatsächlich problematisch, nicht jedoch im Westen Europas.

In den Siebzigerjahren hiess es auch, der Einzug von Computern mache Bürojobs überflüssig, weil in Zukunft Routinearbeiten automatisiert und bestimmte Aufgaben schneller erledigt werden können. Tatsächlich aber führten Computer zu einem massiven Anstieg von Bürotätigkeiten, die sich qualitativ veränderten. Auch entstand eine Vielzahl neuer Aufgabengebiete.

In einer Zeit extremen Wirtschaftswachstums führten Computer tatsächlich zu einer grossen Produktivitätssteigerung. Der Mensch wurde nicht ersetzt, sondern produktiver. Heute werden mit KI und Robotics ähnliche Ängste geschürt. Die Angst, dass die menschliche Arbeitskraft obsolet werden könnte, führt zu übertriebenen Ansprüchen.

Karl Marx proklamierte einst, dass Religion Opium für das Volk sei. Er meinte allerdings unzutreffend, dass Menschen lieber Trost in Religionen suchten, als sich mit ihrem Fortkommen zu befassen. Heute ist tatsächlich ein gesellschaftlicher Alarmismus das gängige Opium. Doch woher rührt er?

Psychologen sprechen von einem Negativitäts-Bias, einer evolutionsbedingten Tendenz des Menschen, stärker auf Risiken und Gefahren zu reagieren und negativen Informationen mehr Aufmerksamkeit zu gewähren, als positiven Nachrichten. Diesen natürlichen menschlichen Mechanismus machen sich unterschiedliche Gruppierungen zunutze, um ihre Interessen durchsetzen zu können.

Die Aufmerksamkeitslogik der Medien verstärkt das Ganze zusätzlich. Wir reden heute von Aktivisten, die sich häufig über sogenannte Missstände aufregen. Oft ist dies jedoch ein Vorwand, um anstrengenden Herausforderungen ausweichen zu können.

In Europa entstehen Entscheidungen oft
aus aktivistischem Druck heraus

Insbesondere staatliche Akteure und sogenannte «Pressure Groups» wie viele NGOs, Umweltschutzorganisationen oder politische Gruppierungen nutzen das Negativitäts-Bias, um bestimmte Themen zu emotionalisieren, damit sie sich in der Öffentlichkeit durchsetzen.

Menschenrechte und Umweltthemen sind zweifelslos wichtig, doch allzu oft werden sie als Ausrede für Aktionismus benutzt, anstatt dass die Probleme wirklich gelöst werden. Das EU-Lieferkettengesetz ist ein fatales Beispiel für die Wirtschaft.

Indem die Dringlichkeit bestimmter Themen betont wird, wird die Akzeptanz für regulatorische Eingriffe gesteuert. Staat oder supranationale Organisationen können ihren Handlungsspielraum erweitern, Eingriffe in den Markt und in bürgerliche Freiheitsrechte legitimieren und andere, drängende Themen aufschieben.

Ablenkung von wichtigen Themen
Europa steht wesentlichen Herausforderungen gegenüber, die dringendst angegangen werden sollten, jedoch nicht die notwendige Aufmerksamkeit erhalten. Trotz hoher Staatsausgaben werden die zugrundeliegenden Probleme nicht gelöst, vielmehr werden aktivistische Themen legitimiert und Unsummen an Steuergeldern dafür verschwendet.

Das zeigt sich auch in der Aussen- und Sicherheitspolitik. Vielfach erscheint es einfacher und öffentlichkeitswirksamer, anderen Ländern paternalistisch gute Ratschläge zu erteilen, als internationale Politik durch gezielte Diplomatie aktiv mitzugestalten.

Chefdiplomaten vermarkten ihre Aussenpolitik lieber als «feministisch», anstatt sich den schwierigen Fragen der Handels- und Sicherheitspolitik zu stellen. Das ist oft leichter, als Forderungen zu formulieren, mit der die langfristige Sicherheit und das Wohl der eigenen Bevölkerung gewährleistet werden können.

Wenn Politik und Wirtschaft sich zu sehr von aktivistischen Strömungen leiten lassen oder Aktivismus in die Führungsebenen von Staat und Verwaltung vordringt, drohen staatliche Institutionen dysfunktional zu werden. Auch wenn es in Europa noch nicht ganz so weit ist, so besteht doch die signifikante Gefahr. Aktivistisch motivierte Entscheide, wie etwa der Atomausstieg Deutschlands, können katastrophale Folgen haben.

Europäer beklagen sich gerne über die Unvorhersehbarkeit von Präsident Trump. In europäischen Staaten gibt es jedoch auch zahlreiche Entscheidungen, die unvorhersehbar sind und aus aktivistischem Druck heraus entstehen oder von populistischer Politik bestimmt sind.

In der Politik sollten Entscheidungen von Pragmatismus und gesundem Menschenverstand geprägt sein. Dann kann ein Staat seine tatsächliche Funktion erfüllen. Und dann bestimmt nicht Angst die Zukunft, sondern Vernunft.

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